Organspende

Warum ich die Widerspruchslösung für verantwortungsvoll halte.

Ja, es ist eineindeutig ein Eingriff in die Freiheit jedes Einzelnen und auch ich bin immer wieder hin- und hergerissen zwischen den verschiedenen – sehr guten – Argumenten beider Seiten. Letztlich komme ich für mich aber zu dem Schluss, dass der von Jens Spahn vorgestellte Gesetzentwurf zur Organspende richtig ist. Die Widerspruchslösung ist in den meisten anderen EU-Ländern bereits gelebter Alltag und wir würden damit kein ethisches oder moralisches Neuland betreten. Gleichzeitig sehe ich unseren Staat in der Verantwortung Sorge für die etwa 2.000 Menschen zu tragen, die jährlich sterben während sie auf ein Spenderorgan warten. Der Eingriff in die Freiheit des Einzelnen ließe sich also durch die positiven Folgen für die schwerkranken Menschen rechtfertigen.

Warum können wir es nicht bei einer freiwilligen Regelung belassen?! Auch ich habe über diese Frage lange nachgedacht. Wenn ich dann aber sehe, dass nach einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rund 84 Prozent der Bürgerinnen und Bürger der Organspende positiv gegenüberstehen, aber nur 36 Prozent einen Organspendeausweis besitzen – sich also aktiv und freiwillig dafür entschieden haben – kommen mir erhebliche Zweifel. Zweifel daran, ob wir uns alle unserer Verantwortung gegenüber Schwerkranken bewusst sind. Zweifel daran, ob wir die Spendenbereitschaft durch Information und Aufklärung wirklich erhöhen können. Zweifel daran, ob es wirklich nur – wie ja vielfach behauptet wird – an den organisatorischen Abläufen im Krankenhaus liegt. Und Zweifel daran, ob die Politik schon alle notwendigen Maßnahmen ergriffen hat. Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass die Informationspflicht der Krankenkassen an ihre Grenzen stößt: Längst erreichen wir insbesondere junge Menschen nicht mehr durch ein Anschreiben oder die lebensrettende Information geht in einem Nachrichtenstrom unter.

 

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Die von Jens Spahn vorgestellte Lösung ist verantwortungsvoll. Wer eine Organspende aus religiösen Gründen, persönlichen Haltungen, wegen grundsätzlicher Bedenken oder deshalb ablehnt, weil er unversehrt bestattet werden möchte, kann dies tun. Und noch viel wichtiger: Er muss sich für seine Entscheidung nicht rechtfertigen. Die Gründe, warum jemand nicht als Spende auftreten möchte, können so vielfältig sein, wie die Menschen selbst. In allen Fällen gilt es aber die Wünsche der Menschen zu respektieren und sie nicht in irgendeine Richtung zu drängen. Auch deshalb finde ich es gut, dass die Angehörigen im Zweifel den Willen des Spenders äußern und darlegen können. Wir wissen alle, dass es schwierig sein kann, sich gegenüber fremden Menschen zu erklären. Angehörige und Lebenspartner  genießen hingegen ein Vertrauensverhältnis und sind in der Lage eine mögliche Entscheidung gut einzuschätzen. Dennoch hört auch mit der Einführung der Widerspruchslösung die Informationspflicht nicht auf: Krankenkassen müssen ihre Versicherten über die Rechtslage informieren, Ärzte müssen ihren Patienten die medizinischen Hintergründe und Verfahren erklären und letztlich muss die Politik Sorge dafür tragen, dass die Verteilung der Organe rechtskonform abläuft. Einen Skandal, wie er 2012 aufgedeckt wurde, darf es in Zukunft nicht mehr geben. Wenn wir als Politik die Widerspruchslösung mit Verweis auf die Schwerkranken zulassen, dann stehen wir bei allen Bürgerinnen und Bürgern im Wort, dass die Organe auch genau dort eingesetzt werden.